Gefühle

Darf dein Kind traurig sein?

August 8, 20263 Min. Lesezeit

Das Lieblingskuscheltier ist verschwunden. Die beste Freundin möchte plötzlich mit jemand anderem spielen. Ein anderes Kind hat etwas Verletzendes gesagt. Dein Kind ist traurig. Es weint.

„Ach komm, das ist doch nicht so schlimm.“

„Wir finden das Kuscheltier bestimmt wieder.“

„Komm, wir machen etwas Schönes.“

Solche Sätze sind liebevoll gemeint. Schließlich möchten Eltern, dass es ihrem Kind schnell wieder gut geht. Doch vielleicht lohnt es sich, in solchen Momenten kurz innezuhalten:

Muss Traurigkeit eigentlich weggetröstet werden?

Ein Kind kann getröstet sein – und trotzdem weiter weinen. Denn Trost bedeutet nicht unbedingt, dass ein Gefühl verschwindet. Trost kann bedeuten:

Ich bin mit meiner Traurigkeit nicht allein.

Mama oder Papa können das Kind in den Arm nehmen, zuhören oder einfach dableiben. „Das tut gerade richtig weh, oder?“ Manchmal braucht es nicht mehr.

Kann ich aushalten, dass mein Kind traurig ist?

Aus Erwachsenensicht erscheint manches Kinderproblem klein. Vielleicht ist der Streit morgen vergessen. Vielleicht taucht das Kuscheltier wieder auf.

Doch für das Kind ist die Traurigkeit jetzt da.

Kannst du in diesem Moment wahrnehmen, wie groß sich dies für das Kind anfühlt, ohne den Moment sofort verändern zu wollen?

Das ist nicht für jeden leicht. Wer selbst früh gelernt hat „Hör auf zu weinen“, „Sei nicht so empfindlich“ oder „Das ist doch nicht schlimm“, hat möglicherweise wenig Erfahrung damit, Traurigkeit einfach da sein zu lassen.

Die Tränen des Kindes können dann Hilflosigkeit, Unruhe oder Distanz auslösen. Manchmal wird schnell abgelenkt oder eine Lösung angeboten – nicht nur, weil das Kind nicht mehr traurig sein soll, sondern auch, weil seine Traurigkeit für den Erwachsenen schwer auszuhalten ist.

Wenn ein Kind schnell wieder funktionieren muss

Kinder spüren sehr fein, wie Mama oder Papa auf ihre Gefühle reagieren. Erlebt ein Kind immer wieder, dass seine Traurigkeit Unbehagen, Hilflosigkeit oder Rückzug auslöst, kann es beginnen, sich anzupassen.

„Ist schon okay.“

Die Tränen werden heruntergeschluckt. Das Kind spielt weiter. Es funktioniert wieder.

Doch ein Gefühl verschwindet nicht automatisch, nur weil es nicht mehr gezeigt wird.

Wiederholen sich solche Erfahrungen, können daraus innere Überzeugungen entstehen:

Meine Traurigkeit ist zu viel.

Ich bin zu viel.

Ich bin falsch.

Ich darf andere mit meinen Gefühlen nicht belasten.

Und noch etwas kann geschehen: Das Kind richtet seine Aufmerksamkeit zunehmend darauf, wie es Mama oder Papa mit seinen Gefühlen geht. Es spürt: Wenn ich so traurig bin, kann Mama das kaum aushalten. Wenn ich weine, wird Papa unruhig.

Dann versucht es möglicherweise, nicht nur mit der eigenen Traurigkeit zurechtzukommen, sondern gleichzeitig dafür zu sorgen, dass es den Erwachsenen wieder gut geht. Es hält Tränen zurück, beruhigt sich möglichst schnell oder zeigt bestimmte Gefühle gar nicht mehr.

Damit verschiebt sich etwas: Statt selbst Trost zu bekommen, beginnt das Kind, auf die Gefühlswelt der Erwachsenen Rücksicht zu nehmen.

Es kann lernen: Wie es den anderen geht, ist wichtiger als das, was gerade in mir passiert.

Ein solches Muster kann bis ins Erwachsenenleben reichen. Eigene Bedürfnisse und Gefühle werden zurückgestellt, während sehr genau wahrgenommen wird: Wie geht es den anderen? Was brauchen sie? Was muss ich tun, damit alles in Ordnung ist?

Vielleicht ist genau das Trost

Trost muss nicht perfekt sein. Es braucht nicht immer die richtigen Worte.

Vielleicht bedeutet er manchmal nur:

Ich sehe, dass du traurig bist.

Ich bleibe bei dir.

So kann ein Kind etwas Wichtiges lernen: Auch schwierige Gefühle dürfen da sein. Ich kann sie fühlen, ohne mich dafür verstecken oder schämen zu müssen. Ich muss mit meinen Gefühlen niemanden schützen. Und irgendwann verändern sie sich wieder.

Denn vielleicht muss Traurigkeit gar nicht möglichst schnell verschwinden.

Vielleicht braucht sie manchmal einfach jemanden, der bleibt.

Meine Gefühle dürfen da sein.

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