Gedanken

Die Angst, nicht gut genug zu sein

Juli 31, 20263 Min. Lesezeit

Es gibt einen Glaubenssatz, den Millionen Erwachsene in sich tragen: „Ich bin nicht gut genug.“ Manchmal zeigt sich diese Überzeugung ganz offensichtlich. Häufig versteckt sie sich aber auch hinter ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen.

Die eine Person versucht, alles perfekt zu machen. Jede Aufgabe muss noch ein bisschen besser werden. Lob kann kaum angenommen werden. Fehler fühlen sich riesengroß an. Nicht selten endet dieser ständige innere Druck irgendwann in Erschöpfung oder sogar einem Burnout.

Eine andere Person traut sich bestimmte Dinge erst gar nicht zu. Sie bewirbt sich nicht auf die Stelle, die eigentlich zu ihr passen würde. Sie beginnt die Ausbildung nicht, von der sie träumt. Sie spricht nicht vor anderen Menschen, obwohl sie viel zu sagen hätte.

Wieder andere fühlen sich wie Hochstapler. Sie haben längst bewiesen, was sie können – und glauben trotzdem, irgendwann würde jemand merken, dass sie eigentlich gar nicht gut genug sind.

Der Glaubenssatz kann Beziehungen beeinflussen. Freundschaften. Den Beruf. Entscheidungen. Fast jeden Bereich des Lebens.

Die spannende Frage lautet deshalb:

Wo beginnt so etwas eigentlich?

Sehr häufig nicht mit einem einzigen Satz. Sondern mit vielen kleinen Botschaften. Wenn Kinder immer wieder hören:

„Schau mal, deine Schwester kann das doch auch.“

„Die anderen sind schon viel weiter.“

„Warum schaffst du das denn nicht?“

Oder wenn der Blick ständig auf das fällt, was noch nicht gelingt, statt auf das, was bereits wächst. Selbst gut gemeinte Aussagen können sich tief verankern. Denn Kinder hören oft nicht nur unsere Worte. Sie hören auch das, was zwischen den Zeilen mitschwingt.

„So, wie ich gerade bin, reicht es offenbar nicht.“

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Kinder nicht mehr fördern dürfen. Kinder dürfen lernen. Sie dürfen Fehler machen. Sie dürfen sich entwickeln. Der entscheidende Unterschied ist, ob sie spüren, dass ihr Wert von ihrer Leistung abhängt – oder nicht.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, sich im Alltag immer wieder eine kleine Frage zu stellen:

Mache ich mein Kind gerade auf seinen Mangel aufmerksam – oder auf seine Entwicklung?

Denn aus

„Du kannst das noch nicht.“

wird schnell etwas anderes als aus

„Du bist auf einem guten Weg. Ich sehe, wie du dazulernst.“

Unsere Worte werden Teil der inneren Stimme unserer Kinder. Und diese Stimme begleitet sie oft ein Leben lang. Deshalb dürfen wir bewusst wählen, welche Sätze wir ihr mitgeben möchten.

Vielleicht diesen:

„Du musst nicht perfekt sein. Du bist heute schon gut genug. Und gleichzeitig darfst du jeden Tag weiter wachsen.“

Reflexionsimpuls

Nimm dir heute Abend zwei Minuten Zeit und denke an den Tag zurück.

Welche Sätze hast du heute zu deinem Kind gesagt?

  • Welche haben Mut gemacht?
  • Welche haben eher auf den Mangel geschaut?
  • Und welchen Satz möchtest du morgen bewusst häufiger sagen?

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