Gefühle

Was passiert, wenn du mit Angst erziehst?

August 16, 20263 Min. Lesezeit

„Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich ohne dich.“
„Wenn du deine Jacke nicht anziehst, wirst du krank.“
„Wenn du weiter so viel Süßes und Pommes isst, wächst in deinem Bauch ein Wurm.“ Der letzte Satz wurde neulich in einem Beitrag einer Lehrerin auf Instagram diskutiert. Eltern würden ihren Kindern erzählen, in ihrem Bauch wachse ein Wurm, wenn sie zu viele ungesunde Dinge essen.

Vermutlich steckt dahinter eine gute Absicht: Das Kind soll weniger Süßigkeiten essen. Es soll sich gesund ernähren. Es soll etwas lernen. Und wahrscheinlich funktioniert es sogar. Denn Angst kann ein ziemlich wirkungsvolles Erziehungsmittel sein.

Ein Kind, das glaubt, in seinem Bauch könne ein Wurm wachsen, überlegt sich vielleicht zweimal, ob es noch eine Portion Pommes möchte. Ein Kind, das fürchtet, Mama könnte ohne es gehen, kommt vermutlich schneller. Doch was lernt es dabei eigentlich?

Es lernt nicht unbedingt: Zu viele Süßigkeiten tun meinem Körper auf Dauer nicht gut. Oder: Mama möchte jetzt los und braucht meine Unterstützung. Es lernt möglicherweise etwas ganz anderes:

Wenn ich mich falsch verhalte, kann etwas Schlimmes passieren.

Wenn Angst sich wiederholt

Ein einzelner unbedachter Satz wird nicht das Urvertrauen eines Kindes zerstören. Wir alle sagen Dinge, die wir hinterher anders formulieren würden. Spannend wird es dort, wo Angst immer wieder benutzt wird, um Verhalten zu steuern. Denn Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene ihnen die Welt erklären. Sie können viele Gefahren noch nicht selbst einschätzen. Wenn Mama oder Papa sagen, dass etwas gefährlich ist, dann glauben sie ihnen erst mal. Wird die Welt dabei immer wieder bedrohlicher dargestellt, als sie tatsächlich ist, können sich Überzeugungen entwickeln wie:

Die Welt ist gefährlich.

Wenn ich etwas falsch mache, muss ich mit schlimmen Folgen rechnen.

Ich kann meinem Körper und meiner Wahrnehmung nicht vollständig vertrauen.

Ich brauche andere, die mir sagen, was sicher für mich ist.

Ich bin nur sicher, wenn ich alles richtig mache.

Und damit kann etwas ins Wanken geraten, das für Kinder ungeheuer wertvoll ist: Vertrauen. Vertrauen in die Erwachsenen. Vertrauen in den eigenen Körper. Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Vielleicht sogar ein Stück des grundlegenden Gefühls: Ich bin sicher in dieser Welt.

Aus Angst kann Kontrolle werden

Wer die Welt als unberechenbar erlebt, versucht möglicherweise, sie berechenbarer zu machen. Und ein Weg dorthin ist Kontrolle. Dann kann aus „Etwas Schlimmes könnte passieren“ irgendwann werden:

„Nur wenn ich alles unter Kontrolle habe, bin ich sicher.“

Das kann sich später ganz unterschiedlich zeigen. Ein Mensch möchte alles richtig machen. Er plant möglichst genau, versucht Fehler zu vermeiden, beobachtet seinen Körper sehr aufmerksam oder hält sich besonders streng an Regeln.

Kontrolle gibt ihm das Gefühl von Sicherheit. Doch wirkliche innere Sicherheit klingt anders. Sie sagt nicht: Ich muss verhindern, dass etwas passiert. Sondern: Ich vertraue darauf, dass ich mit dem umgehen kann, was passiert.

Grenzen brauchen keine Angst

Das bedeutet nicht, dass Kinder keine Konsequenzen erfahren sollen. „Wenn du das Tablet jetzt nicht ausschaltest, gibt es heute keine weitere Bildschirmzeit“ kann eine klare Grenze sein. Auch über wirkliche Gefahren dürfen und müssen wir sprechen.

Der Unterschied liegt darin, ob wir unserem Kind einen Zusammenhang erklären – oder eine Bedrohung erschaffen, damit es gehorcht. Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten „Wenn du jetzt nicht …, dann …“ einen Moment hinzuhören.

Möchte ich meinem Kind gerade etwas erklären – oder möchte ich, dass seine Angst mir die Erziehung abnimmt?

Denn wir wollen keine Kinder, die gute Entscheidungen treffen, weil sie Angst vor schlimmen Folgen haben.

Wir wollen Kinder, die sich selbst und uns vertrauen – und die immer mehr verstehen, warum eine Entscheidung gut für sie ist.

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