Gefühle
Looksmaxing: Bin ich nur wertvoll, wenn ich attraktiv bin?

Im Internet wird derzeit auf einigen Plattformen, die Eltern über neue Social-Media-Trends informieren, vor „Looksmaxing“ gewarnt. Vielleicht ist der Begriff auch schon bei euch gefallen. Was steckt auf einer tiefen Ebene dahinter?
„Looksmaxing“ – häufig auch „Looksmaxxing“ geschrieben – bedeutet, das eigene Aussehen möglichst stark zu optimieren. Der Trend richtet sich vor allem an Jungen und junge Männer. In Videos bekommen sie Tipps, wie sie angeblich attraktiver, markanter oder männlicher werden können.
Manches erscheint zunächst harmlos: Hautpflege, eine andere Frisur, Sport oder neue Kleidung. Doch in vielen Beiträgen werden Gesichter genau vermessen und bewertet. Die Form des Kiefers, die Höhe der Wangenknochen oder der Abstand der Augen sollen darüber entscheiden, wie attraktiv ein Mensch ist. Attraktivität wird dabei häufig mit Erfolg, Anerkennung und Beliebtheit gleichgesetzt.
Besonders gefährlich ist das sogenannte „Bonesmashing“. Dabei schlagen sich Jugendliche mit der Hand oder mit harten Gegenständen gegen Kiefer und Wangenknochen. Dahinter steckt die falsche Vorstellung, die verletzten Knochen würden anschließend markanter zusammenwachsen. Tatsächlich können Knochenbrüche, Schäden an Zähnen und Nerven, Infektionen und bleibende Verletzungen entstehen.
Doch warum kann der Wunsch nach einer ausgeprägteren Kieferlinie so mächtig werden, dass ein junger Mensch dafür sogar Schmerzen und Verletzungen in Kauf nimmt?
Vielleicht, weil es dabei in Wahrheit nicht nur um das Aussehen geht. Unter dem Wunsch, attraktiver zu werden, können tiefe Glaubenssätze liegen:
So, wie ich bin, bin ich nicht gut genug.
Nur wenn ich attraktiv bin, bin ich wertvoll.
Ich muss herausstechen, damit andere mich mögen.
Andere sind besser als ich.
Ich muss schön sein, um dazuzugehören.
Solche Überzeugungen entstehen nicht erst in dem Moment, in dem Jugendliche ein Looksmaxing-Video sehen. Der innere Boden, auf den diese Botschaften fallen, kann sich bereits im Kindesalter entwickeln.
Kinder ziehen aus ihren Erlebnissen Schlussfolgerungen über sich und die Welt. Sie spüren, wofür sie Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten. Sie hören, wie Erwachsene über den eigenen und über fremde Körper sprechen. Sie erleben, ob Menschen wegen ihres Gewichts, ihres Gesichts oder ihrer Kleidung bewertet werden. Und sie beobachten, wem Bewunderung entgegengebracht wird.
Aus vielen kleinen Erfahrungen kann nach und nach die Überzeugung entstehen: Ich bin nicht attraktiv genug. Ich muss schöner, erfolgreicher oder angepasster werden, um Anerkennung zu verdienen.
Social Media entdeckt diese Unsicherheit nicht zwangsläufig. Aber der Algorithmus kann sie erkennen, aufgreifen und immer weiter verstärken. Auf ein Video über die perfekte Kieferlinie folgen weitere Vergleiche, Bewertungen und vermeintliche Makel. Gleichzeitig wird eine scheinbar einfache Lösung angeboten: Verändere dein Gesicht – dann wirst du respektiert, begehrt und glücklich.
Deshalb beginnt der Schutz vor solchen Trends nicht erst im Jugendalter. Er beginnt viel früher.
Kinder zu stärken bedeutet dabei nicht, ihnen immer wieder zu sagen, wie hübsch oder großartig sie sind. Wird ein Kind vor allem für sein Aussehen gelobt, kann auch dadurch der Eindruck entstehen, Schönheit sei besonders wichtig. Stärkung bedeutet vielmehr, ein Kind als ganzen Menschen zu sehen: mit seinen Gedanken, Gefühlen, Ideen, Grenzen, Interessen, Eigenheiten und Fähigkeiten.
Ein stärkender innerer Boden entsteht, wenn ein Kind erfahren darf:
Ich bin wertvoll, ohne etwas beweisen zu müssen.
Ich gehöre dazu, auch wenn ich nicht allen gefalle.
Mein Körper muss keinem Ideal entsprechen.
Ich darf anders sein als andere.
Mein Wert verändert sich nicht mit meinem Aussehen.
Eltern können zudem darauf achten, wie innerhalb der Familie über Körper gesprochen wird. Erlebt das Kind Erwachsene, die freundlich mit sich selbst umgehen? Oder hört es häufig, was am eigenen Körper zu dick, zu dünn, zu alt oder nicht schön genug sei? Wird über das Aussehen anderer Menschen gespottet? Wird Schönheit mit Erfolg oder Beliebtheit verbunden?
Niemand kann ein Kind vollständig vor den Botschaften aus dem Internet schützen. Und auch ein liebevoll begleitetes Kind kann während der Pubertät mit seinem Körper hadern. Doch Eltern können schon früh etwas in ihm verankern, auf das es in unsicheren Zeiten zurückgreifen kann:
Ich muss meinen Körper nicht verändern, um ein wertvoller Mensch zu sein.
Überlege: Wodurch erfährt mein Kind im Alltag, dass sein Wert nicht von seinem Aussehen, seiner Leistung oder der Anerkennung anderer Menschen abhängt?
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